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«Wir verabredeten uns für den Nachmittag im Kaffee am Hofgarten.
Sophie hatte in der vergangenen Zeit immer wieder bei Hannah Arendt gelesen, um sich mit der Frage nach dem Bösen auch in ihrer Geschichte auseinanderzusetzen.
Sophie trug ein sehr schönes, beiges Kleid aus reiner Seide. Die Drapierung an den Schultern zeichnete eine verführerische Asymmetrie. Sie hatte leicht rot geschminkte Lippen und trug Ohrringe aus Rubin, dessen Stern schon bei der kleinsten Bewegung über die Oberfläche glitt. Sie habe die Steine aus Tansania mitgebracht und fassen lassen. Die Beine hatte sie übereinander geschlagen und sie ließ die eine Ferse, indem sie die Zehen nach oben drückte, immer wieder aus den sandfarbenen Pumps schnappen.
Den Eindruck, sie zu begehren, musste ich unterdrücken, umso mehr, als wir bisher sonst nichts miteinander gehabt hatten, was ich kaum glauben konnte.
Da sie mir gegenüber saß, konnte ich sie auch nicht auf das Verhältnis von Hüfte zu Taille reduzieren, was mir, kaum dass ich es gedacht hatte, auch ungezügelt vorkam. Aber ich fand sie sehr schön, lieb, reizend, anregend, erregend und empfand, dass ein Widerschein auf mich fiel und achtete darauf, ob Tischnachbarn oder Passanten das wohl bemerken würden.
Dann bedeutete ich ihr, unauffällig zum Nebentisch hinzugucken, an dem eine jüngere Frau in ihrer Zeitung einen Bericht über PISA umblätterte, sodass auf der Rückseite zu lesen war: Thüringens Schüler lesen am besten.
Ich gab Sophie zu verstehen, dass sie sich für die nächste Vorlesestunde in Thüringen einmal kundig machen solle.
„Ein Besuch in Pisa wäre mir lieber“, entgegnete sie, worauf wir uns spontan entschlossen, im kommenden Frühjahr miteinander in die Toscana zu fahren. »
aus: nicht verlassen / nur allein © Alfons Lenherr, Roman, 266 S. Wiesenburg Verlag 2013
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